Mit gezielter Kommunikation raus aus der Nische
Mit gezielter Kommunikation raus aus der Nische
Klassiche Formate der Beteiligung sehen oft so aus: Ein Informationsabend in einem Sitzungssaal. Ein Abend unter der Woche. Beginn zumeist zwischen 17 und 19 Uhr. Die Organisation die zum Abend eingeladen hat verkündet ihre Botschaften in Frontalbeschallung. Ein bewusst überspitztes Bild, aber Sie werden beim Lesen der ersten Zeilen sicherlich einige Parallelen zu Ihren eigenen Erfahrungen feststellen können.
Beteiligungsformate in dieser Form sind auf der kommunalen Ebene vielfach noch ein gern genutztes Mittel. Und das ist auch zunächst nachvollziehbar. Man schafft vermeintlich einen zentralen Ort für die Informationsgewinnung und im besten Fall gar für den gemeinsamen Austausch. Der Aufwand hält sich in Grenzen. Man nutzt einen bestehenden Raum, die Ankündigung samt Einladung des Informationsabends wird im Lokalteil der Zeitung in der Schiene links oder rechts angekündigt. Von Seiten der Organisation bringt man noch eine kurze Pressemitteilung über die Website auf den Weg.
Die Situation vor Ort stellt sich dann meist wie folgt dar: Da sind die Personen, die sich ohnehin für Zusammenhänge interessieren. Mitunter die, die jede Ratssitzung verfolgen, die Vorlagen und Meldungen über die Seiten der Organisationen abrufen und lesen, bevor sie öffentlich in der Zeitung diskutiert werden, die den Unterschied zwischen Aufstellungsbeschluss und Satzungsbeschluss kennen. Zudem sind die dabei, die schon fast aus einer Art eines natürlichen Reflexes dagegen sind, bevor das erste Wort gesprochen wurde. Für Personen, für die der Abend weniger Information als Bestätigung ist.
Was bei solchen Informationsabenden häufig fehlt: alle anderen. Die junge Familie mit ihren zwei Kindern, die nicht dabei sein kann, weil die Kinder ins Bett müssen. Der Gewerbetreibende, der noch in seinem Geschäft die Abrechnung für den Tag macht. Die große Mehrheit, die das Thema betrifft, die aber nicht teilnehmen kann. Weil die Tageszeitung schon lange nicht mehr aboniert ist und die Terminankündigung so nicht ankam. Weil der Zeitpunkt des Informationsabends aufgrund von Arbeit oder familiärer Verpflichtungen nicht in den Tagesablauf passt. Oder weil denen, die es betrifft, nicht klar war, dass sie das Thema an diesem Abend ganz individuell betrifft.
Und hier bricht es. Gut gemeinte Beteiligung, die auf den ersten Blick offen und inklusiv ist, die durch eine Umsetzung, die vielfach nicht mehr in die Lebensrealität vieler Menschen passt, dann aber doch einen exklusiven Charakter bekommt. So bleibt ein Thema, das eigentlich einen breiteren Teil der Bürgerinnen und Bürger, Kundinnen und Kunden oder anderen relevanten Stakeholdern betrifft, in der Nische und wird von der nahezu immer gleichen Personengruppe aufgegriffen. Der Saal ist voll und die Niederschrift sauber. Alle formalen Anforderungen erfüllt. Und trotzdem hat man die Stadt nicht erreicht, sondern nur ihren engsten Kreis.
Und warum ist das nun ein Problem? Wer immer die gleichen Personen erreicht, erhält ein stark verzerrtes Bild von der Stimmung in seiner Kommune. Die laute Minderheit erweckt den Eindruck, dass das Vorhaben oder die Entscheidung umstritten sei. Ein Vorhaben oder eine Entscheidung, die aber vielleicht von einer stillen Mehrheit akzeptiert und mitgetragen wird. Entscheidungen, die auf dieser schiefen Grundlage getroffen oder verteidigt werden, stehen auf wackeligem Fundament.
Dazu kommt: Wer nicht beteiligt wurde, fühlt sich übergangen. Auch dann, wenn die Tür eigentlich offen stand. „Davon habe ich nie etwas gehört" ist einer der wirksamsten Sätze gegen eine Entscheidung einer kommunalen Organistaion.
Hier liegt der Hebel. Ein einzelner Informationsabend ist ein Kanal und Format. Ein Format, das nur einen kleinen Teil der eigentlich Betroffenen erreicht. Wenn man Beteiligung so denkt, dass man unterschiedliche Interessengruppen mit einbezieht, sollte man vorher überlegen: Wen betrifft das eigentlich? Und wie erreiche ich diese Menschen dort, wo sie sind?
Das heißt nicht, jeden Kanal zu bespielen, nur weil es ihn gibt. Es heißt, die Botschaft so aufzubereiten, dass sie verständlich ist und sie über die Wege auszuspielen, auf denen die jeweilige Gruppe tatsächlich erreichbar ist. Die Eltern über die Kanäle der Kita oder Schule, die Älteren über das gedruckte Mitteilungsblatt, die Berufstätigen über einen kurzen Beitrag in den sozialen Medien, der in dreißig Sekunden erklärt, worum es geht. Verschiedene Menschen, verschiedene Wege, dieselbe Sache. Wichtig: der Inhalt bleibt weitestgehend der selbe Inhalt. Nur der Ton und der rote Faden wird für die jeweilige Zielgruppe individuell angepasst.
Wer so vorgeht, bricht die Nische auf. Das Thema kommt aus einem kleineren Kreis, aus der exklusiveren Abendveranstaltung, heraus. Zurück in eine inklusive Stadtgesellschaft, der es gehört. Und es passiert noch etwas: Die Erzählung „die da oben gegen uns" verliert an Kraft. Wo Entscheidungen nachvollziehbar werden, wo Menschen verstehen, wie und warum etwas entschieden wird, da entsteht kein „wir gegen die". Da entsteht ein gemeinsames Anliegen. Eine gemeinsame Überlegung, wie das Zusammenleben aussehen kann.
So kann selbst bei kontroversen Entscheidungen eine Akzeptanz für das Notwendige entstehen. Die Menschen auf der kommunalen Ebene wollen es nicht zwingend einfach gemacht bekommen, sondern wollen gezeigt bekommen, wie Herausforderungen benannt, geeignete Lösungswege diskutiert und gefunden werden und wie ein Weg hin zur Lösung ausgestaltet wird. Es wird Verantwortung geschaffen. Bürgerinnen und Bürger einer Kommune sollten keine Vollkaskomentalität entwickeln. Sie entscheiden mit und tragen auch Verantwortung für ihr Umfeld. Und die allermeisten wollen das auch.
Eine Entscheidung wird nicht dadurch akzeptiert, dass sie gut ist. Sie wird akzeptiert, wenn Menschen sie nachvollziehen können. Das ist der Unterschied zwischen einer kommunalen Organisation, die etwas verkündet, und einer, die ihre Stadt mitnimmt.
Nachvollziehbarkeit entsteht nicht am Ende, wenn die Entscheidung steht und verteidigt werden muss. Sie entsteht vorher, im Prozess. Wer von Anfang an erklärt, welche Optionen es gibt, was sie kosten, was gegeneinander abgewogen wird, der schafft Verständnis. Auch bei denen, die am Ende anderer Meinung sind. Und Verständnis ist die Grundlage von Akzeptanz, selbst dort, wo es keine Zustimmung gibt.
Gute und vor allem frühzeitige Kommunikation sorgt dafür, dass sich alle angesprochen fühlen. Nach dem Motto: Hier wird über eure Stadt entschieden. Seid dabei.



